Der Kahn und die Gurke

Liebeserklärung an eine Landschaft

Mein alter Freund Michael kennt sich aus. Schon beim Studium vor zwanzig Jahren war er mir vier Semester voraus, und so ist es im Leben geblieben. Wo ich auch hinfahre, was auch ich mache, Michael ist immer schon da. Bei meinem Umzug nach Hamburg vor zwölf Jahren sagte Michael, „du brauchst unbedingt eine Wohnung in der Schanze!“ Ich war zwar noch nie dort gewesen, hatte aber gehört, das Schanzenviertel solle sehr laut sein. „Unsinn“, sagte Michael, „es ist nicht zu laut, es ist nur lebendig!“ Vor zweieinhalb Jahren, als ich nach Berlin zog, wohnte Michael natürlich längst dort. Nach überstandenem Umzug blieben meiner Familie und mir noch ein paar freie Tage. „Du musst unbedingt in den Spreewald“, meinte Michael. Ich hatte gehört, dass man als Berliner seinen Kurzurlaub an der Ostsee verbringt, und sagte ihm das auch. „Falsch“, sagte Michael, „das war einmal, wer sich wirklich auskennt, fährt in den Spreewald.“

Damals kannte ich vom Spreewald nur die zwei Dinge, die jeder kennt, den Kahn und die Gurke, und ich verspürte wenig Neigung, diese Bekanntschaft zu vertiefen. „Ja, und was macht man so im Spreewald außer Kahnfahren und Gurkenessen“, fragte ich Michael, und Michael fragte mich, „warst du denn schon mal Kahnfahren und Gurkenessen?“ – „Nein“, musste ich zugeben, doch überzeugt war ich noch immer nicht. Ich sah mich tagaus, tagein durch die Landschaft paddeln auf Kollisionskurs mit lauter anderen Stadtflüchtigen aus Berlin und fühlte mich erinnert an mein Urlaubstrauma aus Jugendtagen: das sogenannte Naherholungsgebiet. Allein das Wort „Naherholungsgebiet“ ist schon ein Widerspruch in sich, weil man in einem Naherholungsgebiet ja zwangsläufig die Leute wiedertrifft, von denen man sich gerade erholen will.

„Entschuldige, aber ist der Spreewald nicht ein bisschen sehr nah“, meldete ich Bedenken an. „Geographisch ja, gefühlt nein“, sagte Michael, „gefühlt ist der Spreewald eine andere Welt.“ – „Eine andere Welt“, fragte ich, „inwiefern?“ – „Hm, schwer zu beschreiben“, sagte sogar Michael, der sonst nie um eine Beschreibung verlegen ist, „aber wenn du mich so fragst, würde ich sagen, er ist vor allem eins: still. Sensationell still, ohne davon viel Aufhebens zu machen, versteht sich. Und er ist auch nicht einfach still, sondern auf die vielfältigste Weise. Waldstill. Wasserstill. Lebensstill …“ – „Lebensstill“, fragte ich den Mann, der mir vor gar nicht allzu langer Zeit erklärt hatte, dass Leben Lautstärke bedeutet. „Ja, das wirkliche Leben ist still, ein Stillleben, und nirgendwo ist es stiller als im Spreewald“, ließ Michael mich wissen und beendete damit das Gespräch. Da waren sie wieder, seine vier Semester Lebensvorsprung.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als Frau und Kind einzupacken und mich auf den Weg zu machen in eine andere Welt, eine knappe Autostunde von Berlin, auf der Suche nach dem wahren, stillen Leben zwischen Kahn und Gurke. Die Autobahn Richtung Cottbus wurde schnell leerer, der Himmel weiter und das Land phänomenal flach. Wann hatte ich zuletzt so viel unverbaute Fläche gesehen? Weiter dann auf der Landstraße, durch Dörfer mit sorbischen Untertiteln, schmale, laubüberschattete Alleen entlang, die Baumstämme so breit und festverwurzelt, dass einen der Verkehrstod im Abstand von zwanzig Metern grüßt. Auf einmal schreit meine Tochter, „da draußen, da, ein Storch!“ Ich mache eine Vollbremsung. Wir kommen zwischen zwei wuchtigen Eichen zum Stehen, steigen nach einer kurzen Schrecksekunde aus und halten den Atem an.

Keine hundert Meter entfernt stakst der Storch bedächtig, fast wählerisch über das frisch gemähte Feld und findet offenbar reichlich Mäuse und Frösche, die sich zwischen den Stoppelhalmen nicht mehr verstecken können. Sein schwarz-weißes Gefieder wirkt ein bisschen gerupft und schmutzig mit einem Stich ins Urin-Gelbe. Der Schnabel ist weniger leuchtend rot als ich dachte, wobei mir schlagartig klar wird, dass ich dieses Tier eigentlich auch nur aus überkolorierten Kinderbüchern kenne. Irgendwie sieht man ihm an, dass er zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies gehört mit seinen langen, dürren Stelzenbeinen. Doch er lässt sich von uns nicht aus der Ruhe bringen, so wie wir dastehen am Wegesrand, sprachlos und selbstvergessen. Entweder ist er Touristen gewöhnt oder er lebt tatsächlich in einer anderen Welt.

Vielleicht war es das, was Michael meinte, diese Stille und Versunkenheit, abseits vom allem. Dieser Storch jedenfalls war von einer Stille umgeben, die man sehen konnte. Wir sahen ihm buchstäblich beim Stillleben zu. Er bewegte sich, aber wie in einer anderen Zeit. Er stelzte und stocherte auf seiner geruhsamen Jagd, direkt vor unseren Augen, doch wie in unendlicher Entfernung. Dieser Storch war weder besonders prächtig noch sonderlich originell, aber er war zu meiner großen Überraschung auch nicht kitschig, im Gegenteil, er war der erste nichtkitschige Storch, den ich zu Gesicht bekam, eben weil er so ganz und gar in der Stille seiner Storchenwelt lebte und ihm unsere Gefühle egal waren. Alle anderen Bilderbuchstörche, die ich in meinem Leben gesehen hatte, wollten von mir, dass ich – äußerlich oder innerlich – ausrufe, oh, guck mal da, ein Storch! Alle anderen Störche wollten mir ihre Storchengefühle aufdrängen, mich in Naturverzückungszustände versetzen. Dieser Storch wollte überhaupt nichts von mir. Er wollte Frösche, Mäuse und nicht gestört werden. Und das war so weit entfernt von Kitsch und jeder anderen Form von sentimentaler Vergewaltigung, dass ich sogar die Mücken ganz vergaß. Zu Unrecht übrigens. Die Mücken gehören nicht nur zum Spreewald dazu, sie garantieren für seine Echtheit. Die Spreewald-Mücke ist gleichsam die Anti-Kitsch-Versicherung dieser Landschaft. Immer, wenn es im Spreewald kitschig wird, kommt die Mücke, und zwar nicht irgendeine. Die Spreewaldmücke ist mit der gemeinen Berliner Hauptstadtmücke überhaupt nicht vergleichbar. Man sollte meinen, dass sie als Landmücke ihren urbanen Artgenossen weit unterlegen ist. Aber das Gegenteil ist der Fall! Die Spreewaldmücke ist die Krone der Stechmückenschöpfung. Sie ist unfassbar schnell, wendig und fintenreich. Denn sie kommt aus der Tiefe der Stille und hat sich ihr angepasst. Man meint auf dem Grund der Spreewaldstille die Mücken summen zu hören, aber so leise, dass es auch nur Ohrensausen sein könnte, eine akustische Täuschung. Wenn man meint, sie kommen von rechts, kommen sie in Wirklichkeit von links, wenn man meint, sie kommen von vorne, kommen sie in Wirklichkeit von hinten. Spreewaldreisende berichten von Schwärmen von Mücken, doch es könnte ebenso gut nur eine Handvoll Mücken sein oder bloß eine einzige, denn man erwischt sie nie - ganz im Gegensatz zur Hauptstadtmücke, die laut ist, dreist und träge und den Tag nicht überlebt. Wer die Mücke der Zukunft kennenlernen möchte, der fahre nicht nach Berlin, sondern in den Spreewald!

Wir fuhren weiter nach Burg, wo meine Familie ein Eis essen wollte und ich auf ein Ende des Lausitzer Funklochs hoffte, um Michael anzurufen und ihm recht zu geben. Es stimmte: Der Spreewald ist mehr als Kahn und Gurke. Er ist auch die Welt der Störche und Mücken, der gefiederten Grüße von Gestern und der juckenden Vorboten von morgen. Ja, Storch und Mücke gehören zusammen wie Vergangenheit und Zukunft. Man kann das eine nicht haben ohne das andere. Und nur wer die Spreewaldmücke so liebt und verehrt wie den Storch, der liebt und verehrt diese Landschaft!

In Burg ging meine Familie Eis holen und Michael nicht ans Telefon. Dafür hatte der Eisverkäufer neben Vanille und Erdbeer auch Gurkeneis im Angebot, meine Tochter verkündete es lautstark mit einer von Ekel gespeisten Neugier: „Papa, guck mal, Gurkeneis!“ Doch ich weigerte mich zu probieren und behauptete, ich hätte noch keinen Gurkenhunger, später vielleicht. Tatsächlich machte mir die Aussicht Sorgen. In dem winzigen Hafen von Burg tummelten sich die Kähne und Kanus dicht an dicht. Ausflugstrubel, Kaffeefahrten-Stimmung, Touristengruppen in Fotolaune. Ich fühlte mich zurückversetzt in das Naherholungstrauma meiner Jugend.

Zum Glück fand ich den Prospekt eines Kahnfahrten-Anbieters, der für Touren mit „Abgeschiedenheitsgarantie“ warb. Was immer das sein mochte, es ließ zumindest hoffen. Also lud ich die Familie samt Speiseeis wieder ins Auto, und wir fuhren zu „Hagens Insel“, vorbei an Gurkenfeldern, Gurkenfliegern, Gurkenständen, wo ich meiner Tochter zuliebe wenigstens einmal Halt machen musste, um ein Gurkenfässchen aus eigener Ernte zu kaufen, da ich ja schon das Gurkeneis verschmäht hatte, ich Muffel.

Unterdessen rief Michael zurück und redete beruhigend auf mich ein: Wir seien auf dem richtigen Weg. Wenn ich nicht von selbst auf Hagen gekommen wäre, hätte er mich zu Hagen geschickt. Er sei schon vor Jahren mit ihm Kahn gefahren und fahre seitdem mit keinem anderen mehr. Hagen sei der Beste, ein wandelndes oder besser „gondelndes“ Spreewald-Kompendium: Kahnfahrer aus Leidenschaft und noch dazu ein großer Rezitator von Gedichten an der Stange. – „Aha“, erwiderte ich mit eher verhaltener Begeisterung. Was Michael da erzählte, jagte mir irgendwie Angst ein. Doch nachdem ich mich mehrmals verfahren hatte und Michael als fernmündliches Navigationsgerät benutzen musste, tauchte gerade jetzt, als ich an Umkehr dachte, das Schild von Hagens Insel vor mir auf.

Wie dem auch sei, meinte Michael, es gebe überhaupt nur zwei Dinge, auf die es bei einer Kahnfahrt ankomme, erstens – doch weiter kam er nicht. Das Lausitzer Mobilfunknetz schnitt seine Stimme in digitale Gurkenscheiben, und so musste ich Hagen gegenübertreten, ohne zu wissen, worauf es bei einer Kahnfahrt ankomme, außer vermutlich, dass man ankomme.

Obwohl einer der meistbeschäftigten Kahn-Kapitäne waldaus, waldein hatte Hagen Zeit für uns. Er kam gerade von einer Tour zurück und entließ ein sichtlich beglücktes Grüppchen auf seine Insel, ältere Herrschaften, die noch ganz andächtig und naturverzaubert an Land stiegen. Ich erkundigte mich bei Hagen nach seiner „Abgeschiedenheitsgarantie“. – „Sie wollen dahin, wo kein anderer hinfährt“, fragte er und sah mich herausfordernd an. Ich war mir gar nicht sicher, ob ich das wollte, doch mir blieb keine andere Wahl als zu nicken. „Dann sind Sie hier richtig“, streckte mir Hagen die Hand hin, und wir waren im Geschäft.

Was ich von Hagen erfahre: Die Spreearme heißen nicht Fluss, sondern Fließe; die Stange, mit der ein Kahn gesteuert wird, heißt nicht Ruder, sondern Rudel; und die zwei wichtigsten Dinge, auf die es bei einer Kahnfahrt ankommt, sind – doch in dem Moment schreit meine Tochter „Biber“ und zeigt aufs Wasser, wo ein Tier mit über die Wasseroberfläche erhobener Schnauze das Ufer entlang paddelt. „Das sind keine Biber“, stellt Hagen richtig, „sondern Nutrias.“ – „Noch mehr Biber“, ruft meine Tochter, als zwei noch kleinere Tiere vor uns flüchten, „Biberbabys!“ Und Hagen sagt nichts.

Immer weiter schiebt er den Kahn durch die wechselnde Landschaft. Hohlwege aus Wald weichen Wiesen und Weiden mit Zäunen, Unterständen, Spuren von Menschenhand, Arbeit und Vieh. Dann wieder weit und breit Sumpf, Spreeurwald, Baumgerippe mit Buckeln aus Moos, Birken, Erlen, Pappeln, die sich niedergelegt haben zum Sterben. Nur das Wasser bleibt immer dasselbe, langsame, lautlose, schattenreiche. Wir begegnen keiner Menschenseele, keinem Kahn – die Abgeschiedenheitsgarantie!

Was sie denn nun seien, die zwei wichtigsten Dinge bei einer Kahnfahrt, frage ich Hagen und rechne mit einer Lebensweisheit. „Der Sonnenstand und die Sichtachse“, flüstert er, und ich staune, da mir bisher weder Sonnenstand noch Sichtachse sonderlich aufgefallen sind. Aber es stimmt natürlich: Wie das Licht durch die Baumkronen bricht, wie sich der Himmel im Wasser spiegelt, wie sich die Fließe vor uns erstrecken …

Durch Lichtgarben und Blätterschatten gleiten wir weiter hinein in das Labyrinth der Wasserpfade, die immer schmaler werden, verborgen hinter Laubvorhängen, überwachsen von Kresse, umstanden von Schilf, das sich nachlässig auseinanderbiegt, die Bordwand entlang schleift und schabt, als wäre es das lauteste Geräusch. Niemand spricht mehr, auch Hagen nicht. Mit jeder Bewegung auf dem glatten, geschmeidigen Wasser werden wir stiller, wird es stiller um uns, bis auf das Tropfen und Rinnen des Rudels. Stillleben, denke ich, während wir weiter vordringen in immer größere Superlative des Schweigens, einen Dom des Verstummens in dieser vom Wald zurückeroberten Welt.

Möchtest du jetzt eine Gurke, fragt meine Tochter, und ich nicke. Sie kracht so laut, als ich hineinbeiße, dass Scharen von Waldvögeln auffliegen müssten. Doch es bleibt vollkommen still, denn irgendwie gehört das zusammen, der Kahn und die Gurke. Ich kaue und schlucke. „Schmeckt überhaupt nicht kitschig“, stelle ich fest.

John von Düffel, 2012